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Die Corona-Krise – eine Beschleunigung der Ungleichheit?

16.06.20 17:10
Eva Weingärtner

Von Anna Römer, Geschäftsführerin der KED Köln, Rechtsanwältin

Die Corona-Krise trifft uns alle, manche härter als andere, in jedem Fall aber die Kinder und Eltern mit am meisten. Die Kinder konnten wochenlang nicht in die Schule oder Kita gehen, und das Homeschooling wurde über Nacht als Alternative implementiert. Eltern und Kinder standen und stehen vor dem großen Problem, dass die Digitalisierung der Bildungseinrichtungen in Deutschland -anders als in vielen anderen Ländern- zwar auf der Agenda der Politik stand, die zeitliche Entwicklung im Vergleich zum Fortschreiten der Digitalisierung in der Gesellschaft und in der Wirtschaft aber deutlich hinterherhinkt. Das Positive an der aktuellen Situation ist daher die Tatsache, dass in Zukunft die Politik nicht mehr an dieser Problematik und den dringenden Investitionen in der Bildung vorbeikommen wird. 

Dennoch schadet dieser Prozess auch unseren Kindern. Ihnen wurde die Möglichkeit genommen einen strukturierten Tagesablauf durch die Schule oder Kita zu erhalten, sie mussten sich stetig selber zum Lernen und Arbeiten zuhause motivieren, und sie konnten ihre gleichaltrigen Freunde lange Zeit nicht sehen. Diese Entwicklung ist in Summe nicht positiv für die Psyche unserer Kinder. Viele Eltern standen mit der Kombination auch Hilfslehrer sein zu müssen und berufstätig zu sein unter enormen Druck, und es fehlte und fehlt an konkreten Perspektiven. Angesicht der epidemiologischen Lage wäre es angemessen gewesen früher beispielsweise über außerschulische Lernorte wie z.B. den Wald zu sprechen und diese in den Alltag der Kinder und LehrerInnen zu integrieren. Bedauerlich ist auch, dass die Kinder selber oft keine Möglichkeiten hatten über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen, dafür braucht es gerade bei kleineren Kindern den geschützten Raum einer Klasse oder einer Gruppe und in erster Linie die Bezugspersonen. Viele Kinder, die keine Unterstützung zuhause erhalten haben, blieben vollkommen auf der Strecke. Sei es durch Sprachbarrieren in der Familie oder dem Zusammenbrechen familiärer Alltagsstrukturen, diese Kinder verschwanden vollkommen von dem Radar der Gesellschaft. 

Es gibt LehrerInnen, die berichten, dass sie von manchen Kindern seit Beginn der Schulschließungen trotz verschiedener Kontaktversuche überhaupt nichts gehört hatten. Kinder mit vielen Geschwistern auf engstem Raum haben keine Möglichkeiten sich einen ruhigen Arbeitsplatz zu suchen und konnten teilweise seit Wochen keine bearbeitenden Unterrichtsmaterialien o.ä. abgeben. Hier wird eine Lücke entstehen, von der völlig unklar ist, wann und wie sie wieder geschlossen werden kann. Die Corona-Krise ist wie ein Beschleuniger der bereits bestehenden Ungleichheit der Voraussetzungen für die Kinder. Daher ist es wichtig gewesen, allen Kindern schnellstmöglich wieder einen geregelten Zugang zu Struktur, Bildung und Kontakt zu den Bezugspersonen zu ermöglichen. Es ist demnach sehr zu begrüßen, dass die Kitas in NRW ab dem 8. Juni wieder mehr und die Grundschulen am 15. Juni für einen durchgängigen Präsenzunterricht geöffnet wurden. Die unterschiedlichen Meinungen hierzu dürfen nicht zu einer Spaltung der Gesellschaft führen. Denn klar ist, alle Familien sind enormen Belastungen ausgesetzt. Ihre Fähigkeiten mit diesen umzugehen, halten unsere Gesellschaft zusammen. So muss es eine dauerhafte Perspektive geben, damit die Eltern, die Kinder und die LehrerInnen sowie alle anderen im Bildungsbereich Tätigen (z.B. in den Kitas oder im Offenen Ganztag) die Chance erhalten, diese Krise gemeinsam gut zu überwinden und positiv in die Zukunft schauen zu können.